Peter Koval, 5. März 2012
Im Vorwort einer folgenreichen Publikation zur „Architektur integrierter Informationssysteme“ ordnete der Autor seine eigenen Veröffentlichungen in einen ,Bezugsrahmen‘ ein (Abb. 1). Dieser wissenschaftstheoretische ,Bezugsrahmen‘, der aus Objekten der Wirtschaftsinformatik besteht, wäre an sich nicht sonderlich bemerkenswert, wäre er nicht, leicht variiert, selbst ein zentraler Bestandteil des erwähnten Buches, nämlich als ,Architektur integrierter Informationssysteme‘ (Abb. 2). Wie kam diese diagrammatische Analogie zustande? Bereits ein flüchtiger Blick auf wirtschaftsinformatische Erkenntniswege lässt den Verdacht aufkommen, dass der Anschaulichkeit eine wichtige Bedeutung innerhalb einer Disziplin zufällt, die vor allem auf rechenmaschinelle Modellierung und Automatisierung, auf das (an sich) Nicht-Sinnfällige setzt.

Abb. 1 Wissenschaftliches Gesamtkonzept. Nach Scheer 1992, S. VIII.

Abb. 2 . Architektur zwischen Wolken und Feedback. Nach Scheer 1992, S. 56.
August-Wilhelm Scheer, Architektur integrierter Informationssysteme. Grundlagen der Unternehmensmodellierung, Berlin u.a. 1992.
dr. phil. robert dennhardt, 3. Oktober 2011
Wenn eine wie auch immer geartete “die Dinge regelnde” unsichtbare Hand der Märkte existiert, war das

- per hand
schon immer ihr Problem. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurden Dysmetrie und Hypermetrie

- elektro-mechanisch
schlimmer, weil ungleich schneller. Heute lautet der Befund Parese aufgrund

- digital-elektronisch
beliebig schneller Asynergie(n). Wie sähe der Befund nun mit einer verlangsamenden Finanztransaktionssteuer aus?
Dr. phil. Reinhard Wendler, 25. September 2011
„Wenn Sie jemandem Blumen schenken, dann betrachten Sie diese gewöhnlich nicht als Strukturen, die der sexuellen Fortpflanzung von Bedecktsamern dienen.‟ Murray W. Nabors, Botanik, aus dem Amerikanischen von Michaela Krieger-Hauwede und Karen Lippert, München et al. 2007, 145.
Nabors hat freilich weitgehend recht mit seine Behauptung, und doch wirft sie eine Frage auf: Wie kommt es dann, dass Blumen überhaupt als ein ziemlich unverdächtiges und durchaus geschmackvolles Geschenk gelten?

Johannes Bruder, 8. August 2011

Im letzten Beitrag hat Peter Koval auf die Aufwertung von ‘normalen’ Bildern durch Apps wie Instagram hingewiesen. Auch wenn diese Aufwertung in erster Linie eine Ästhetisierung ist, so ergibt sich der Wert der Bilder dem Autor zufolge vor allem dank ihrer Funktion als Tauschmittel. In dieser Hinsicht ist das Instagram-geschwängerte Bild nicht mehr oder weniger als jedes andere Bild, das in sozialen Netzwerken getauscht wird. Auf Facebook stehen diese Bilder dann auch recht einträchtig nebeneinander, zumindest was den Tauschwert betrifft. Lediglich das Image, das Bild der Person profitiert von Instagram-Bildern: wer etwas auf sich hält, verweist auf seinen Instagram-Feed anstatt seine Bilder nur in die Fotoecke von Facebook zu laden.
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Peter Koval, 17. Juli 2011
Seit der ersten Mavica wird der Fortschritt der digitalen Fototechnik an größerer Auflösung und präziserer Bildwiedergabe gemessen. In der Regel werden alle neuen Geräte im Rahmen ihrer Markteinführung ausgeklügelten Sehtests unterzogen. Dabei werden auch die kleinsten Abweichungen in der Abbildungstreue – von der Ausgangsdynamik bis hin zur Scharfzeichnung – unter die Lupe genommen (Abb. 1).

Abb. 1 Ein Testbild des c’t Magazins.
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Peter Koval, 1. Dezember 2010
Auf die Macht der Sprache zu hören, ist eine probate Herangehensweise der Geisteswissenschaften. So kommt es, dass die Geschichte der Unorte mit den Unorten der Geschichte, dass die Bilder der Ökonomie mit der Ökonomie der Bilder oder die Technik der Körper mit dem Körper der Technik konfrontiert werden. Diese, manchmal selbstverliebten, der Sprache zugewandten, „bistabilen Denk-Flipflops“ als solche sichtbar abzubilden, gelang einem Setzer ausgesprochen elegant (Abb.) – wenn nicht geradezu ironisch – als er in einem Satz die Formen der Anschauung direkt auf die Anschauung der Formen lag.

Abb. aus Siegfried Kracauer, "Die Reise und der Tanz", in: Ders., Das Ornament der Masse, Frankfurt am Main 1977, S. 46.
Peter Koval, 25. November 2010
Bevor virtuelle Tags (wie z.B. ID3-Tag) zum universalen Instrument der Verwaltung von Ton- und Bewegtbildaufzeichnungen wurden, dienten ihrer Ordnung Aufkleber (Abb. 1 und 2). (In der Regel lagen sie neuen, unbespielten Audio- und Videokassetten bei.) Beim Anblick dieser noch nicht ganz vergessenen, ihrer alltäglichen Selbstverständlichkeit inzwischen aber entrückten Aufkleber-Sets fällt so einiges auf.

Abbildung 1 Audiokassetten-Aufkleber.
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Dr. phil. Reinhard Wendler, 24. Oktober 2010
Im Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 15. Oktober 2010 berichtet Axel Hacke davon, wie sehr die Industrie von dem Umstand profitieren müsse, dass er seinen Zollstock immer wieder verlege und daher einen neuen kaufen müsse. Die anschließenden Bemerkungen über einen Exoplaneten, der möglicherweise in einem schmalen Äquatorialstreifen bewohnt sein könnte, haben auf den ersten Blick wenig mit der Zollstockgeschichte gemeinsam. Aber Hacke bindet die beiden mit der folgenden, abschließenden Bemerkung zusammen: “Rätsel des Weltalls. Wird man einmal einen zollstockförmigen Planeten entdecken, den der Herr hinter einem Sonnensystem vergessen hat, bei der Vermessung der Welt?”
So seltsam punktlos Hackes Text auch erscheinen mag, ein solcher Planet wurde tatsächlich bereits entdeckt, und zwar von Georg Christoph Lichtenberg. … »
Dr. phil. Reinhard Wendler, 26. August 2010
Francis Crick charakterisierte im Gespräch mit Horace Judson einmal die technischen Fortschritte in der molekularbiologischen Forschung als eine Gesetzmäßigkeit, die vage an das Mooresche Gesetz erinnert:
“Die Liste der Techniken [wie kristallographische Röntgenanalyse, automatische Messung von Reflexintensitäten, Datenanalyse "mit sehr schnellen Computern"] ist nichts Statisches – und sie werden immer schneller. Wir haben eine Redewendung im Laboratorium, daß die Schwierigkeit eines Projekts innerhalb von zehn Jahren vom Nobelpreisniveau auf das Niveau einer Doktorarbeit absinkt!” (Horace Judson, Der 8. Tag der Schöpfung. Sternstunden der neuen Biologie, München, Wien 1980, 150)
Dieser Regel zufolge wäre die Ermittlung der Struktur der DNA heute, nach 57 Jahren, wohl nur geringfügig mehr als einen Anschiss wert. … »
Peter Koval, 15. August 2010

Durch das Loch betrachtet gehört dieses handschriftbildlich verzierte Palmblatt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts wohl zu den sinnlichsten Lochkarten der Geschichte. … »
Prof. Dr. Jens Schröter, 28. Juli 2010
Ein nicht nur theoretisch anregender Link:
http://pluto.njcc.com/~ret/amanita/mainaman.html

Amanita jacksonii Pomerleau. Quelle: http://pluto.njcc.com/~ret/amanita/species/jacksoni.html
Dr. phil. Reinhard Wendler, 30. Juni 2010
Athanasius Kircher gehört zu den erstaunlichsten Figuren des 17. Jahrhunderts. Aus seiner Feder stammt, neben vielen anderen bemerkenswerten Gedanken, ein kaum bekanntes Theorem zur theologischen Deutung der gewaltigen wissenschaftlichen Erkundungen seiner Zeit.

Im Angesicht der andauernden Entdeckung neuer Weltgegenden per Schiff, neuer Einsichten in die Ordnung des Kosmos per Teleskop und in die mikroskopischen Welten vertrat er die Ansicht, Gott habe nicht nur die Schöpfung, sondern auch den menschlichen Geist vergrößert.
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Peter Koval, 6. Juni 2010

Maschinenschriftbildlich:
Handgemachte Notizen samt Kritzeleien am Rande des Bewusstseins haben … »
Dr. phil. Reinhard Wendler, 2. Juni 2010
Welchen Sinn ein Bild aktuell generiert, ist bekanntlich davon abhängig, mit welchen Erwartungen ein Betrachter ihm begegnet. Michael Baxandall hat darauf verwiesen, dass Bilder in aller Regel komplementär sind, also auf eine betrachterseitige Ergänzung rechnen (Baxandall 1999, 62) und des weiteren betont, dass ein Bild „sehr empfindlich reagiert auf die verschiedenen Arten der Interpretationskunst – Muster, Kategorien, Schlussfolgerungen und Analogien, – die man an es heranträgt.“ (Baxandall 1999, 46) Die film stills von Cindy Sherman machen diesen Sachverhalt exemplarisch produktiv, indem sie die Imagination des Betrachters im Verweis auf einen nicht existenten Film aktivieren und damit etwa dasjenige akut machen „was innerhalb der kulturellen und gesellschaftlichen Matrix von Geschlechterbildern an Typisierungen, an codierten Rollen und an Mustern von Weiblichkeit gespeichert und sedimentiert ist.“ (Krüger 2007, 146) … »

Abb. 1 (Vermutlich) sozialistische Mausinterpretation von Joystick.
Dieser medienarchäologische Fund (Abb. 1-5) tauchte zum ersten mal vor rund zwanzig Jahren in der damaligen Tschechoslowakei auf – das Ding ist mit keinerlei Markierung versehen. Es sieht aus wie eine Maus, ist aber ein Joystick. Wie man den Abbildungen entnehmen kann, zeugt das Design des Eingabegeräts von überraschender Sorgfalt; denkwürdig ist allerdings das aus heutiger Sicht gänzlich misslungene (scheinbar prototypische) Bedienkonzept. Die Eingabe erfolgte nämlich so, … »
Peter Koval, 30. April 2010
Aus den Schichten einer alten Schublade liest sich ein Loch wie ein in ein Loch seiner eigenen Geschichte Gefallenes: War es auf einer Lochkarte (Abb. 1) informationstechnisch eine Position, wurde dasselbe Loch spätestens mit den ersten Disketten (Abb. 2 u. 3) zu einer notwendigen Prä-Position umfunktioniert.
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| Abb. 1 Loch als Position. Lochkarte, wie sie bei der Bücherverwaltung verwendet wurde. |
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| Abb. 2 Loch als Präposition. 8-Zoll-Diskette aus den 1970ern im Größenvergleich mit einem aktuellen MacBook. |
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Dr. phil. Reinhard Wendler, 26. April 2010
Lars Bluma schreibt in seinem Buch “Norbert Wiener und die Entstehung der Kybernetik im Zweiten Weltkrieg. Eine historische Fallstudie zur Verbindung von Wissenschaft, Technik und Gesellschaft” (Münster 2005) auf Seite 35: “Die Fehlfunktionen von Nachrichtensystemen, also all die verlorenen Briefe, Nachrichten, Wörter und Signale, können natürlich nicht umstandslos als Rauschen aufgefasst werden. Die Stöung bildet gewissermaßen eine wichtige (und durchaus prominente) Kategorie unter anderen Störungen im Bereich technisch vermittelter Kommunikation.” (sic!)
Der Begriff der “Stöung” tritt hier in doppelter Hinsicht in einen Zusammenhang mit dem Rauschen. Einerseits ist kaum zu bezweifeln, dass das fehlende “r” mit voller Absicht fortgelassen worden ist, sozusagen um der sachlich-inhaltlichen Textebene eine zweite, exemplarische beizufügen. … »
Dr. phil. Reinhard Wendler, 24. März 2010
“The best material model for a cat is another, or preferably the same cat.”
(Rosenblueth, Arturo, Norbert Wiener, The Role of Models in Science, In: Philosophy of Science, 12, Oktober 1945, 4, 316-321, hier 320)
Eine dyadische, unterdische Verbindung zu dem absurden Zitat III ist nicht zu verleugnen. Beide Sätze scheinen die Tinte nicht wert zu sein, mit der sie gedruckt wurden.
dr. phil. robert dennhardt, 22. März 2010
Nicht
Sage, wie es ist.
(Motto einer Journalistenschule)
Sondern
Es ist, wie ihr es sagt.
(H. v. Foerster)
Nicht
Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit.
(Wittgenstein, Tractatus)
Sondern
Die Wirklichkeit ist ein Modell des Bildes.
(H. v. Foerster)
Dr. phil. Reinhard Wendler, 14. März 2010
In der Süddeutschen vom Wochenende (13./14.03.10) heisst es auf Seite 23, am Ende eines Artikels über das Gerichtsgutachten über die Bilanz-Manipulationen der US-Bank Lehman Brothers: “Für seinen Bericht verwertete Anton Valukas 34 Millionen Dokumentenseiten und 4,4 Millionen E-Mails. 250 Einzelpersonen wurden vernommen. Das Gutachten kostete 30 Millionen Dollar.”
Angesichts solcher Datenmassen muss man fragen, wie es möglich sein soll, sich an ihnen auch nur ein vages Bild der Lage zu verschaffen. Und es dürfte die Frage erlaubt sein, ob es nicht genau dieses Rauschen der Unzahl an Einzeldokumenten ist, in das sich die Finanzspekulanten zurückgezogen und in dem sie einen rechtsfreien Raum vorgefunden haben. Wo sich das Netz zur amorphen Masse verdichtet, öffnen sich ganz neue ökonomische Nischen, so könnte man sagen.

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