Francis Crick charakterisierte im Gespräch mit Horace Judson einmal die technischen Fortschritte in der molekularbiologischen Forschung als eine Gesetzmäßigkeit, die vage an das Mooresche Gesetz erinnert:
“Die Liste der Techniken [wie kristallographische Röntgenanalyse, automatische Messung von Reflexintensitäten, Datenanalyse "mit sehr schnellen Computern"] ist nichts Statisches – und sie werden immer schneller. Wir haben eine Redewendung im Laboratorium, daß die Schwierigkeit eines Projekts innerhalb von zehn Jahren vom Nobelpreisniveau auf das Niveau einer Doktorarbeit absinkt!” (Horace Judson, Der 8. Tag der Schöpfung. Sternstunden der neuen Biologie, München, Wien 1980, 150)
Dieser Regel zufolge wäre die Ermittlung der Struktur der DNA heute, nach 57 Jahren, wohl nur geringfügig mehr als einen Anschiss wert. … »
Athanasius Kircher gehört zu den erstaunlichsten Figuren des 17. Jahrhunderts. Aus seiner Feder stammt, neben vielen anderen bemerkenswerten Gedanken, ein kaum bekanntes Theorem zur theologischen Deutung der gewaltigen wissenschaftlichen Erkundungen seiner Zeit.
Im Angesicht der andauernden Entdeckung neuer Weltgegenden per Schiff, neuer Einsichten in die Ordnung des Kosmos per Teleskop und in die mikroskopischen Welten vertrat er die Ansicht, Gott habe nicht nur die Schöpfung, sondern auch den menschlichen Geist vergrößert.
Welchen Sinn ein Bild aktuell generiert, ist bekanntlich davon abhängig, mit welchen Erwartungen ein Betrachter ihm begegnet. Michael Baxandall hat darauf verwiesen, dass Bilder in aller Regel komplementär sind, also auf eine betrachterseitige Ergänzung rechnen (Baxandall 1999, 62) und des weiteren betont, dass ein Bild „sehr empfindlich reagiert auf die verschiedenen Arten der Interpretationskunst – Muster, Kategorien, Schlussfolgerungen und Analogien, – die man an es heranträgt.“ (Baxandall 1999, 46) Die film stills von Cindy Sherman machen diesen Sachverhalt exemplarisch produktiv, indem sie die Imagination des Betrachters im Verweis auf einen nicht existenten Film aktivieren und damit etwa dasjenige akut machen „was innerhalb der kulturellen und gesellschaftlichen Matrix von Geschlechterbildern an Typisierungen, an codierten Rollen und an Mustern von Weiblichkeit gespeichert und sedimentiert ist.“ (Krüger 2007, 146) … »
Abb. 1 (Vermutlich) sozialistische Mausinterpretation von Joystick.
Dieser medienarchäologische Fund (Abb. 1-5) tauchte zum ersten mal vor rund zwanzig Jahren in der damaligen Tschechoslowakei auf – das Ding ist mit keinerlei Markierung versehen. Es sieht aus wie eine Maus, ist aber ein Joystick. Wie man den Abbildungen entnehmen kann, zeugt das Design des Eingabegeräts von überraschender Sorgfalt; denkwürdig ist allerdings das aus heutiger Sicht gänzlich misslungene (scheinbar prototypische) Bedienkonzept. Die Eingabe erfolgte nämlich so, … »
Aus den Schichten einer alten Schublade liest sich ein Loch wie ein in ein Loch seiner eigenen Geschichte Gefallenes: War es auf einer Lochkarte (Abb. 1) informationstechnisch eine Position, wurde dasselbe Loch spätestens mit den ersten Disketten (Abb. 2 u. 3) zu einer notwendigen Prä-Position umfunktioniert.
Abb. 1 Loch als Position. Lochkarte, wie sie bei der Bücherverwaltung verwendet wurde.
Abb. 2 Loch als Präposition. 8-Zoll-Diskette aus den 1970ern im Größenvergleich mit einem aktuellen MacBook.
Lars Bluma schreibt in seinem Buch “Norbert Wiener und die Entstehung der Kybernetik im Zweiten Weltkrieg. Eine historische Fallstudie zur Verbindung von Wissenschaft, Technik und Gesellschaft” (Münster 2005) auf Seite 35: “Die Fehlfunktionen von Nachrichtensystemen, also all die verlorenen Briefe, Nachrichten, Wörter und Signale, können natürlich nicht umstandslos als Rauschen aufgefasst werden. Die Stöung bildet gewissermaßen eine wichtige (und durchaus prominente) Kategorie unter anderen Störungen im Bereich technisch vermittelter Kommunikation.” (sic!)
Der Begriff der “Stöung” tritt hier in doppelter Hinsicht in einen Zusammenhang mit dem Rauschen. Einerseits ist kaum zu bezweifeln, dass das fehlende “r” mit voller Absicht fortgelassen worden ist, sozusagen um der sachlich-inhaltlichen Textebene eine zweite, exemplarische beizufügen. … »
“The best material model for a cat is another, or preferably the same cat.”
(Rosenblueth, Arturo, Norbert Wiener, The Role of Models in Science, In: Philosophy of Science, 12, Oktober 1945, 4, 316-321, hier 320)
Eine dyadische, unterdische Verbindung zu dem absurden Zitat III ist nicht zu verleugnen. Beide Sätze scheinen die Tinte nicht wert zu sein, mit der sie gedruckt wurden.
In der Süddeutschen vom Wochenende (13./14.03.10) heisst es auf Seite 23, am Ende eines Artikels über das Gerichtsgutachten über die Bilanz-Manipulationen der US-Bank Lehman Brothers: “Für seinen Bericht verwertete Anton Valukas 34 Millionen Dokumentenseiten und 4,4 Millionen E-Mails. 250 Einzelpersonen wurden vernommen. Das Gutachten kostete 30 Millionen Dollar.”
Angesichts solcher Datenmassen muss man fragen, wie es möglich sein soll, sich an ihnen auch nur ein vages Bild der Lage zu verschaffen. Und es dürfte die Frage erlaubt sein, ob es nicht genau dieses Rauschen der Unzahl an Einzeldokumenten ist, in das sich die Finanzspekulanten zurückgezogen und in dem sie einen rechtsfreien Raum vorgefunden haben. Wo sich das Netz zur amorphen Masse verdichtet, öffnen sich ganz neue ökonomische Nischen, so könnte man sagen.
Unlängst publizierte er in einem Blog einen neuen Bildsatz, mit dem er über die Folgen der Verstärkten Aufmerksamkeit für das Bildsein, das Multimediasein, oder letztlich das Multisensorischsein der Rechtstheorie nachdenkt:
Abb. aus Michel Serres: La Légende des Anges, Paris 1993.
Wolken und Wörter im Zwischenraum. Es ist das Reich der Operatoren und Vektoren, der logischen Schalter und sprachlichen Ausdrücke wie “in”, “auf”, “unter”, “über”, “vor”, “zwischen” usw. Der Zwischenraum ist der Raum des “zwischen”, kurz: der Präpositionen. Dort zeigt sich ein eigenartiger Hang zur Begriffslosigkeit, denn Begriffe sind Substantive. Wie aber sähe eine Theorie aus, die sich weniger um Begriffe = Substantive kümmern würde, als vielmehr um jene anderen Wörter? … »
Die wachsende Auslagerung von staatlichen Aufgaben an private Dienstleister hat auch organisationelle „Hybridisierung“ zur Folge. Es findet eine Machtverschiebung statt, für die Jonathan Koppell den Begriff „Quasi-Regierung“ wählt; mit verschiedensten Konsequenzen. Die „überraschendste“ Konsequenz der „Quasi-Regierung“, die Koppell in seiner Untersuchung zur (Un)Regulierbarkeit von hybriden Organisationen (wie Fanny Mae oder Freddie Mac) im Jahr 2003(!) identifizierte, ist der institutionelle Selbstentwurf:
One of the most surprising developments for policy-makers who create a new organization to accomplish some public policy purpose may be that, once translated from abstract concept into actual entity, the organization takes on a life of its own. It has its own interests and the means to pursue them. […] Hybrid organizations may even be able to use their influence to reshape themselves… »
„S weiß, dass p, genau dann wenn S glaubt, dass p und p wahr ist.“
Dem absurden Zitat sei ein einleuchtendes zur Seite gestellt: „Jede Erkenntnistheorie ohne geschichtliche und vergleichende Untersuchungen [bleibt] ein leeres Wortspiel, eine epistemologia imaginabilis.” (Ludwik Fleck, Entstehung und Entwicklung einer Wissenschaftlichen Tatsache (1935), Frankfurt am Main 1980, 31)
Vor einigen Tagen machte Hans-Christoph Hobohm in seinem Blog auf einen gewandten Vortrag Clay Shirkys über die Notwendigkeit von neuen Filterfunktionen (im Akademischen) aufmerksam.
In Hobohms treffender Paraphrasierung:
Gänzlich neue Filter müssten geschaffen werden. Es hilft nicht, die alten an der Oberfläche zu reparieren, sie sind aus strukturellen Gründen zerbrochen. … »
Man nehme irgendeinen Gegenstand, ein kurioses oder auch ganz banales Findlding zum Beispiel, und denkt sich dazu eine Geschichte aus. Rob Walker und Josh Glenn wetteten in ihrem Projekt Significant Objects, dass sich eine solche, auf ein Ding getragene, in das Ding eingeschriebene Narration in seinem Wert objektiviert, ihm weitgehend eigen wird.
(Mehr zum Bild hier.) Die Wette ging anscheinend auf. Man könnte Significant … »
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