Dr. phil. Reinhard Wendler, 14. Oktober 2009
Durch den Esel gelegte Ebene
Die Geschichte vom Esel Buridan ist ja bekannt: Er verhungert, weil er sich nicht zwischen zwei Heubündeln entscheiden kann. Weniger bekannt ist hingegen die Erklärung, die Leibniz dafür fand, dass sich ein solches Geschehen niemals ereignen kann:
„Denn das Weltall kann nicht durch eine mitten durch den Esel gelegte vertikale Ebene in zwei Hälften zerschnitten werden, derart, daß auf beiden Seiten alles gleich und ähnlich ist [...]. Weder die Teile des Universums noch die tierischen Eingeweide sind untereinander ähnlich und auf beiden Seiten dieser vertikalen Ebene gleichmäßig angeordnet. Es wird also immer, auch wenn wir nichts davon merken, vieles innerhalb und ausserhalb des Esels geben, was ihn bewegt, lieber auf die eine als auf die andere Seite zu gehen.
Wenn nun zwar auch der Mensch frei ist, der Esel aber nicht, so bleibt es doch aus demselben Grunde wahr, daß auch bei dem Menschen der Fall eines völligen Gleichgewichts zwischen zwei Entschlüssen zu den Unmöglichkeiten gehört und daß ein Engel, oder zum mindesten Gott selbst, immer Gründe angeben kann, warum der Mensch einen bestimmten Entschluß gefaßt hat, indem er einer Ursache oder einen Beweggrund aufzeigt, der ihn wirklich dazu angetrieben hat. Dieser Grund mag freilich meistens sehr zusammengesetzt und uns selbst nicht verständlich sein; denn die Verkettung der untereinander verbundenen Ursachen geht sehr weit.” Gottfried Wilhelm Leibniz, Versuche in der Theodicée über die Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und den Ursprung des Übels, Hamburg (Meiner) 1996 [Philosophische Werke in vier Bänden, hg.v. Cassirer], § 49, S. 122.
Leibniz hätte wohl weder mit Bruno Latours Actor-Network-Theory, noch mit Polanyis Tacit Dimension irgendwelche Verständnisschwierigkeiten. Er würde sich wohl eher wundern, warum es so lange gebraucht hat, um diese Ansätze zu formulieren.




Nun gut. Gäbe es auch ein absolut symmetrisches Universum, dann nur dank einer abstrakten (Denk-)Ebene, die man dadurch legt. Kommt da nicht eher Newton mit Principia Mathematica zur Sprache? In diesem Sinne wäre auch die schleierhafte, weil “allzu weitgehende Verkettung” auf Erden eben kein Sonderfall der himmlischen Ordnung, sondern eine ihrer bequemeren Rechtfertigungen. Ist es das, was Leibniz so “modern” macht?
Die “Kritik” ist scharf und unscharf zugleich. Wo besteht denn genau der Zusammenhang zwischen dem Esel Buridan, Newtons Principia Mathematica, dem “Sonderfall” und der “bequemen Rechtfertigung”. Solange keine Zusammenhänge dargestellt werden, sondern nur orakelt wird, ist mein Eintrag immer noch der bessere!
Ich versuche die Zusammenhänge zu verketten:
Leibniz behauptet in dem Zitat, es gebe keine absolut symmetrische Welt, also auch kein echtes Dilemma. Dem entgegne ich, dass das “Modell” der Symmetrie an einer abstrakten “Ebene” hängt. Leibniz macht es sich also “bequem”, wenn er daraufhin schreibt, in den weitläufigen Verkettungen des Konkreten diese Ebene nicht finden zu können. Würde er sie finden, wäre nicht nur das Konkrete/Erde ein “Sonderfall” des Abstrakten/Himmel, sondern auch umgekehrt – dann hätte er auch mit postmodernen Mischwesen kein Problem.
Für Leibniz kann “ein Engel, oder zum mindesten Gott selbst, immer Gründe angeben … indem er einer Ursache oder einen Beweggrund aufzeigt”. Es ist diese eindeutige, moderne Wirkungsrichtung, die Newtons Principia Mathematica ausmacht: zuerst wird eine Ordnung formalisiert angeschrieben und dann über ihre Ortung nachgedacht: Bis der von der globalen Ordnung abgeleitete Grund den konkreten Ort erreicht, verläuft er sich, seine Rückverfolgung wird unmöglich. (Übrigens scheint auch der “Sonderfall” eben dieser Einbahnstrasse verschuldet zu sein: “Übertragen wir jetzt dasselbe Prinzip auf die Physik…“)
Als Kulturwissenschaftler folge ich da (lieber) Boris Hessen, der nach der lokalen Historizität der als ahistorisch formulierten globalen Prinzipien fragt und auch eine orakelferne Antwort gibt. (Vgl. z.B. Boris Hessen, The Social and Economic Roots of Newton’s Principia, 1931; Gideon Freudenthal; Peter Mc Laughlin, The Social and Economic Roots of the Scientific Revolution. Texts by Boris Hessen and Henryk Grossmann, Heidelberg, New York, 2009)
Bekanntlich konzipiert Leibniz das gesamte Universum als eine Gesamtheit aus unteilbaren geistigen und unendlich teilbaren materiellen Elementen, durch die hindurch sich noch die kleinsten Bewegungen jedem anderen Element des Universums in Form von entweder distinkten oder „petites perceptions“ mitteilen. Eine Trennung in eine konkrete Erde und einen abstrakten Himmel ist hierin nicht angelegt. Die Engel thronen nicht in einer der unsrigen grundverschiedenen Welt, sondern bilden im Sinne des Kontinuitätsprinzips Bindeglieder zwischen Mensch und Gott. Vor allem aber postuliert nicht Leibniz die Existenz einer solchen Ebene, sondern, unausgesprochen, die Geschichte vom Esel Buridan. Der Einwand von Leibniz gegen die Idee, der Esel könnte verhungern, ist also wirklich bequem, aber nicht, weil Leibniz es sich bequem macht, sondern weil sie im Weltmodell von Leibniz unsinnig ist. Übrigens auch in unserem.
Wo genau spricht Leibniz von einer „eindeutigen Wirkungsrichtung“, wie behauptet wird? Antwort: nirgends. Sie wurde in einem sehr allgemeinen, des Leibnizschen Denkens unkundigen und Postpostmodernität suggerierenden Reflex unterstellt. Für Leibniz geht es hier ganz im Gegenteil darum, auf eine Komplexität der Zusammenhänge überhaupt hinzuweisen, die von den meisten seiner Zeitgenossen unhinterfragt ignoriert wurde. Weil sich dies besonders klar an der Geschichte des Esels Buridan zeigt, greift Leibniz sie ja überhaupt erst auf. Die „Verkettung der untereinander verbundenen Ursachen“ darf daher in exakt dieser Formulierung ernst genommen werden. Sie entwirft eine Vorstellung, die Latours Bild von den „haarigen Tatsachen“ durchaus nahekommt (Hoffnung der Pandora, Frankfurt/Main 2002, 343). Was anderes als Geschichte könnte zudem mit der „Verkettung der untereinander verbundenen Ursachen“ und zudem der Bemerkung gemeint sein, dass sie „sehr weit“ gehen können? Nicht nur aus diesen wenigen Zeilen, sondern aus dem gesamten Modellgefüge, das Leibniz in seinen späten Schriften dargestellt hat, wird deutlich, dass er lokale Historizitäten eben nicht ausschließt. Sein Weltbild schließt mit der „Verkettung der untereinander verbundenen Ursachen“ Ereignisse in einem Akteur-Netzwerk ebenso ein wie mit dem Konzept der „petites perceptions“ eine weit über das Tazite hinausgehende Dimension. Er ist daher vielmehr und ganz ihm Gegenteil der Vater aller modernen Konzepte dieser und ähnlicher Art und unterscheidet sich darin nicht nur von seinen Zeitgenossen, sondern auch von den meisten seiner Nachfahren.
„Divergenz, Integration und Transzendenz individueller Perspektiven fielen [im 19. Jh.] in die Zuständigkeit der Moralphilosophie und der Ästhetik. (Die bemerkenswerteste Ausnahme ist Leibnizens durch und durch perspektivische Metaphysik der Monadologie (1714), jedoch bleibt das ein Einzelfall.“ (Lorraine Daston, Wunder, Beweise und Tatsachen. Zur Geschichte der Rationalität, Frankfurt/Main 2001, 135) Es gibt vermutlich keinen Denker des 17. Jahrhunderts, den der Vorwurf der Ahistorizität noch weniger trifft als Leibniz. Vielleicht trifft er ja Newton? Um den aber geht es hier nicht. Und es geht auch nicht darum, die Moderne und Leibniz gleichermaßen als „bequem“ zu brandmarken. Auf der Basis welcher moralischen Überlegenheit kommst Du zu diesem Urteil? Und es geht auch nicht darum, dem Kulturwissenschaftler eine Methode anzudienen. Ich kann den Sinn und Wert dieser scharfen Kritik immer noch nicht erkennen. Kann es sein, dass sie vielleicht gar keinen hat?
Sory aber die Konveration ist etwas zu hoch für mich ;-) um mitzureden aber verfolgen geht schon!
Es tut mir leid, wenn der von mir angeschlagene Ton unangemessen und harsch klang. Das war nicht die Intention. Ich habe reflexhaft und dilettantisch vor- oder hinterfragt, den Vorwurf nehme ich gern an, ich habe aber keine Kritik an Leibnizens Aktualität geübt – sofern sie hier zur Frage Stand –, da wurde ich von Anfang an mißverstanden.
Vermutlich hätte ich das anregende Zitat gleich gedankenblitzartig „entführen“ müssen, um das Risiko einer begründeten, d.h. vor allem aufändigen Konfrontation, für die ich einfach keine Ressourcen habe, oder gar einer Affirmation zu umgehen. Was sich hier vor meinen Augen ab-zeichnet, sind die Grenzen von FILDR.: Würde dem „Sinn und Wert“ von FILDR. (im nachhinein betrachtet) entsprochen, hätte ich meine dem Eklektizismus verpflichtete Frage nicht gestellt?
Bis auf eine kleine Anmerkung/Frage, lasse ich also die Explikation zu Leibniz beiseite: Warum zitieren wir so gern und oft Latour und Daston und nicht Hessen?
Für die “kleinsten Bewegungen” oder “petites perceptions” des Entscheidens bei Leibniz gibt es ein anschauliches elektronisches Dispositiv – das Flipflop bzw. bistabile Kippglied bzw. Binärspeicher bestehend aus zwei Röhren bzw. Transistoren. Beim Einschalten bzw. Strom-anlegen, d.h. es liegt noch kein elektrische Impuls an einem der beiden Eingänge an, kipp das Flipflop dennoch in eine der beiden stabilen zustände, d.h. eine der beiden Röhren ist durchgeschaltet, die andere nicht. Ein Dazwischen gibt es nicht. In welche der beiden stabilen Zustände die Schaltung kippt ist nicht vorhersagbar und fällt in den Bereich der Sesitivität und Chaostheorie. Es ist ein Elektron eben, das den Unterschied macht. Der Esel vor den beiden Haufen ist auch ein wunderschönes Bild für verschiedenste Dämonen von Laplace bis Maxwell und eventuell einschließlich Gott, denn kurz nach dem Urknall gab es genausoviele Protonen wie Antiprotonen. Auf eine auglaublich große Anzahl von Antiprotonen kann dennoch ein Proton mehr und übrig blieb nach ein langen Prozess ständiger Materie-Antimaterie-Annihilation unser Universum. Dieser Symmetriebruch findet bis heute Widerhall in der sogenannten “Händigkeit” der Natur als Elementarteilchen-Spin.
Der Esel heisst, wie ich sehe, gar nicht selbst Buridan, sondern wurde nach dem Scholastiker Johannes Buridan (1300-1358) benannt. Man hat Buridan unterstellt, das Beispiel benutzt zu haben, obwohl sich in seinen Schriften nichts dergleichen findet. Es handelt sich um eine Übertragung vom Menschen auf das Tier, den bei Aristoteles (de caelo II, 13 p. 295b 32) handelt es sich um einen Menschen, einen »heftig Hungernden und Dürstenden, der gleich weit von Speise und Trank entfernt ist und der in Ruhe verharren muß«. Auch bei Dante (Parad. IV, 1-3) geht es um den Menschen: »Zwischen zwei gleich entfernten und gleich anlockenden Speisen würde der Mensch eher Hungers sterben, als daß er bei der Willensfreiheit eine von ihnen zwischen die Zähne brächte« (vgl.: Friedrich Kirchner, Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe, 1907). Mit der Pseudo-Buridan-Adaption geht das Entscheidungsproblem auf das Tier, den Esel über. Leibniz greift die Geschichte auf, um auf die Mächtigkeit seinen Ansatzes verweisen zu könnnen. Später geht sie in den Beispielfundus der Entscheidungstheorie ein, wobei es dann um Rechenmaschinen und Computer geht.
Wie ich bei Wikipedia lese, ohne es selbst überprüfen zu können, wird das Gleichnis in Science-Fiction-Romanen oder Erzählungen verwendet, „um Roboter zu neutralisieren, die nicht mehr ihrem Auftrag entsprechend handeln. Sie werden zu einer Entscheidung zwischen zwei gleichwertigen Möglichkeiten gezwungen, die ihre Ressourcen verbrauchen, sodass sie schließlich nach außen nicht mehr (negativ) agieren können.“ Es geht also um Alan Tourings Halteproblem und darüber hinaus um einen „digitalen Denkstil“, den wir in den zwei „stabilen Zuständen“ der beiden Nahrungsangebote seit Aristoteles und bis in die Gegenwart hinein bezeugen können. Nachdem er zunächst dem Menschen unterstellt wurde, sah man ihn dann beim Tier und schließlich beim Roboter und der Rechenmaschine.
Ich muss da an Gregory Bateson denken und seine Definition der Information: eine Differenz, die eine Differenz ausmacht. In unserem Falle also eine Differenz, die eine Differenz zwischen zwei gleichwertigen Zuständen (o.ä.) verursacht. Ich würde die Spurensicherung (Carlo Ginzburg) auf dieser Ebene ansetzen.
Als z.B. von Neumanns “Diskursverbot” zum Verhängnis des Analogen wurde (vgl. Claus Pias, Elektronenhirn und verbotene Zone. Zur kybernetischen Ökonomie des Digitalen, in: analog/digital – Opposition oder Kontinuum?, Hrsg. J. Schröter/A. Böhnke, Bielefeld 2004 ), war das im Namen derselben Instrumentalisierung und der damit verbundenen Produktivität (vgl. Bruno Latour, Wir sind die modern gewesen, Frankfurt, 2008), wie in den anderen erwähnten historischen Verkörperungen der Parabel? (War es überhaupt dieselbe/analoge Parabel?) Ich vermute nicht. (vgl. Hessen.)
Ich würde daher einer (unausgesprochenen aber angedeuteten) Kontinuität eines bestimmten Denkstils (von Aristoteles bis Turing) eher skeptisch gegenüberstehen.