Kafkas postalische Dämonen

Bereits 1922 beschwor Kafka jene Gespenster und Dämonen, die den Sinn des Geschriebenen unverständlich oder gar nicht an ihren Zustellungsort gelangen lassen:

Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken.

Franz Kafka, Briefe an Milena, März 1922, herausgegeben von J. Born, Frankfurt/M. 1986, S. 302. Zitiert nach: B. Siegert, Relais. Geschicke der Literatur als Epoche der Post 1751 – 1913, Berlin 1993, S. 270.

Seit der ersten versendeten eMail im Jahre 1969 haben diese Gespenster einen Namen. Sie heißen Mailer-Daemon.


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4 Kommentare

  1. Dr. phil. Reinhard Wendler sagt:

    Nachdem man gesehen hatte, dass die Küsse auf ihrer Reise mit den Wörtern zuverlässig von den Gespenstern ausgetrunken wurden, ließ man sie fortan zusätzlich mit Bildern reisen, die man einfach aus Satzzeichen zusammenbastelte. Nun kamen die Küsse zwar an, aber sie waren grausam entstellt und fühlten sich an wie “schnelle Schüsse ins Gehirn.” :)

  2. Peter Koval sagt:

    Es gäbe da noch Poesie, das wider-spenstige Tonbandalphabet. “– weil Du, zum ersten Mal in einem Brief, wirklich zu mir gekommen bist,” schrieb Ingeborg Bachmann an Paul Celan im November 1951. (Herzzeit. Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel, Hrsg. von B. Badiou et. al., Frankfurt/M. 2008, S. 36.)

    Sind nicht die Gespenster spätestens mit dem Mailer-Daemon dem “Protokoll” zum Opfer, oder gar zufolge gefallen?

  3. dr. phil. robert dennhardt sagt:

    Richtig, so wie jede Kuss-mail Teil des Protokolls ist, sind es auch die Dämonen. Ihr “gefallen”-Sein äußert sich darin, dass wir eben von ihnen direkt erfahren. Sie schreiben uns eine Anti-mail. Deshalb sind sie aber nicht weniger “real”. Und ja, die Poesie am Telefonhörer:
    “Erwartung
    Deine ferne Stimme
    ganz nahe am Telefon -
    und ich werde sie bald aus der Nähe
    entfernter hören
    weil sie dann von deinem Mund
    bis zu meinen Ohren
    den langen Weg nehmen muß
    hindurch zwischen deinen Brüsten
    über den Nabel hin
    und den kleinen Hügel
    deinen ganzen Körper entlang
    an dem zu hinabsiehst
    bis hinunter zu meinem Kopf
    dessen Gesicht
    vergraben ist zwischen deine gehobenen Schenkel
    in deine Haare
    und in deinen Schoß”
    (Erich Fried, Erwartung, in: Es ist was es ist, Berlin 1983, S. 28.)

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