dr. phil. robert dennhardt, 18. Oktober 2009
Kafkas postalische Dämonen
Bereits 1922 beschwor Kafka jene Gespenster und Dämonen, die den Sinn des Geschriebenen unverständlich oder gar nicht an ihren Zustellungsort gelangen lassen:
Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken.
Franz Kafka, Briefe an Milena, März 1922, herausgegeben von J. Born, Frankfurt/M. 1986, S. 302. Zitiert nach: B. Siegert, Relais. Geschicke der Literatur als Epoche der Post 1751 – 1913, Berlin 1993, S. 270.
Seit der ersten versendeten eMail im Jahre 1969 haben diese Gespenster einen Namen. Sie heißen Mailer-Daemon.



Nachdem man gesehen hatte, dass die Küsse auf ihrer Reise mit den Wörtern zuverlässig von den Gespenstern ausgetrunken wurden, ließ man sie fortan zusätzlich mit Bildern reisen, die man einfach aus Satzzeichen zusammenbastelte. Nun kamen die Küsse zwar an, aber sie waren grausam entstellt und fühlten sich an wie “schnelle Schüsse ins Gehirn.” :)
http://www.flickr.com/photos/drdennhardt/3643631346/sizes/o/
Es gäbe da noch Poesie, das wider-spenstige Tonbandalphabet. “– weil Du, zum ersten Mal in einem Brief, wirklich zu mir gekommen bist,” schrieb Ingeborg Bachmann an Paul Celan im November 1951. (Herzzeit. Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel, Hrsg. von B. Badiou et. al., Frankfurt/M. 2008, S. 36.)
Sind nicht die Gespenster spätestens mit dem Mailer-Daemon dem “Protokoll” zum Opfer, oder gar zufolge gefallen?
Richtig, so wie jede Kuss-mail Teil des Protokolls ist, sind es auch die Dämonen. Ihr “gefallen”-Sein äußert sich darin, dass wir eben von ihnen direkt erfahren. Sie schreiben uns eine Anti-mail. Deshalb sind sie aber nicht weniger “real”. Und ja, die Poesie am Telefonhörer:
“Erwartung
Deine ferne Stimme
ganz nahe am Telefon -
und ich werde sie bald aus der Nähe
entfernter hören
weil sie dann von deinem Mund
bis zu meinen Ohren
den langen Weg nehmen muß
hindurch zwischen deinen Brüsten
über den Nabel hin
und den kleinen Hügel
deinen ganzen Körper entlang
an dem zu hinabsiehst
bis hinunter zu meinem Kopf
dessen Gesicht
vergraben ist zwischen deine gehobenen Schenkel
in deine Haare
und in deinen Schoß”
(Erich Fried, Erwartung, in: Es ist was es ist, Berlin 1983, S. 28.)