Dr. phil. Reinhard Wendler, 20. November 2009
Einverleibung wissenschaftlicher Kreativität
Die Zeichnung, die Charles Darwins um das Jahr 1837 in sein Notebook B eintrug, wurde mehrfach als Glücksfall der Wissenschaftsgeschichte bezeichnet, weil Darwin zu schreiben begann: „I think“, dann aber zeichnend fortfuhr und so das erste Zeugnis der im Entstehen begriffenen Evolutionstheorie nicht in Form eines Textes, sondern einer Zeichnung hinterließ. Darwins Eintrag gilt daher im gegenwärtigen Paragone von Bild und Wort als Zeugnis der grundsätzlichen Fundiertheit des wissenschaftlichen Denkens im Bilden und im Bild.
Schon Howard E. Gruber hatte die Zeichnung als bedeutend gekennzeichnet (Darwin´s Tree of Nature and Other Images of Wide Scope, in: ders., Katja Bödeker (Hg.), Creativity, Psychology, and the History of Science, Dordrecht, Boston 2005, S. 241–258, hier 247f). Julia Voss schrieb über sie: „Von dem verbal mit „I think“ angekündigten Gedankengang wechselt Darwin ins Bild, um das Gedachte zu konturieren.“ (Julia Voss, Darwins Bilder. Ansichten der Evolutionstheorie. 1837–1974, Frankfurt am Main 2007, 96). Horst Bredekamp hält fest: “Das Bild ist nicht Derivat oder Illustration, sondern aktiver Träger des Denkprozesses. ‘I think’ schreibt der Denker – und spricht die Skizze.” (Horst Bredekamp, Darwins Koralle. Frühe Evolutionsmodelle und die Tradition der Naturgeschichte, Berlin 2005, 24).
Pünktlich zum einhundertfünfzigsten Jubiläum der Erstausgabe von Darwins „The Origin of Species“ hat die Skizze nun die Schwelle zur Ikone überschritten. Die in die Fibroblasten der Dermis einer Doktorandin des Faches biologische Anthropologie eingebrachte Skizze weist ihre Trägerin als Mitglied des Clans der Evolutionskoralle aus, der sich aus den Stämmen der Biologen und der Wissenschaftshistoriker speist. Dass das für Kunst- und Wissenschaftshistoriker so interessante „I think“ der Originalzeichnung und damit der Medienwechsel weggelassen wurde, weist die Trägerin des Tatoos zudem als Zugehörige zum Zweig der intuitionistischen Ikonodulen innerhalb des Clans der Evolutionskoralle aus.




Fortführen lässt sich diese Schrift-Bild-Geschichte wissenschaftsgeschichtlicher Passagen erkenntniserweiternder Intuition durch zwei spätere ikonographische Übergänge:
“Es ist hier nützlich, den Begriff des Bildgegenstandes
einzuführen. Ein Bildgesicht z.B. wäre ein Figur [Wittgenstein malt ein Mondgesicht, hier nur schematisch dargestellt]
. .
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Ich verhalte mich zu ihm in mancher Beziehung wie zu
einem menschlichen Gesicht. Ich kann seinen Ausdruck
studieren, auf ihn wie auf den Ausdruck des Menschen-
gesichtes reagieren. Ein Kind kann zum Bildmenschen
oder Bildtier reden, sie behandeln, wie es Puppen be-
handelt.”
(Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, 1936-48, XI.)
“Ich würde vorschlagen, daß die folgende Zeichenkombination einen Witz kennzeichnet: :-)
Man muß es seitlich lesen.
Wenn es kein Witz ist, dann wäre es angebracht,
dieses Zeichen zu verwenden: :-(”
(Posting von Scott E. Fahlman während eines
Diskussionsformus der Carnegie Mellon University am 20. September 1982.)