Dr. phil. Reinhard Wendler, 14. März 2010
Rauschen als rechtsfreier Raum
In der Süddeutschen vom Wochenende (13./14.03.10) heisst es auf Seite 23, am Ende eines Artikels über das Gerichtsgutachten über die Bilanz-Manipulationen der US-Bank Lehman Brothers: “Für seinen Bericht verwertete Anton Valukas 34 Millionen Dokumentenseiten und 4,4 Millionen E-Mails. 250 Einzelpersonen wurden vernommen. Das Gutachten kostete 30 Millionen Dollar.”
Angesichts solcher Datenmassen muss man fragen, wie es möglich sein soll, sich an ihnen auch nur ein vages Bild der Lage zu verschaffen. Und es dürfte die Frage erlaubt sein, ob es nicht genau dieses Rauschen der Unzahl an Einzeldokumenten ist, in das sich die Finanzspekulanten zurückgezogen und in dem sie einen rechtsfreien Raum vorgefunden haben. Wo sich das Netz zur amorphen Masse verdichtet, öffnen sich ganz neue ökonomische Nischen, so könnte man sagen.




Ich musste an ein altes Bild von Kriesche denken („gefunden“ in einer Grazer Ausstellung mit dem geeigneten Titel „Capital+Code“):
Numerische Systeme
Numerische Systeme, 1964-68
Grafische, strukturelle, optische Formate, Konversion optischer Studien
Durchmesser 144 cm
Foto: Landesmuseum Joanneum / N. Lackner
© VBK, Wien, 2008
http://www.museum-joanneum.at/de/presse/projekte_4/richard_kriesche_capital_code_2
Vermutlich hat man auch die Lehmansche Dokumentenmasse oder vielmehr -masche durch Visual Analytics und andere Data Mining Prozeduren gejagt, so dass sie im Nachhinein Muster erkennen ließ. Diese Muster zuvor (vielleicht auch sich selbst) für Rauschen zu verkaufen, wäre bloß(?) eine Episode der systematischen Ökonomie der Nischensuche: Man wird jetzt neue Nischen suchen müssen. Eine gute Frage, wie das mit dem Netz zusammenhängt.